BGH, Beschluss vom 26.02.2015 – Aktenzeichen III ZR 53/14 – Erforderliche Individualisierung im Mahnverfahren

Geschrieben am: 4 Juni, 2015, 11:54

1. Zur erforderlichen Individualisierung bedarf es nicht der Benennung einzelner Pflichtverletzungen. Dem Mahnbe­scheidsantrag muss aber zu entnehmen sein, ob aus eigenem oder abgetretenem Recht Ansprüche geltend gemacht werden.

2. Zur notwendigen Individualisierung gehört auch, dass die Zusammensetzung der Forderung aus dem Mahnbescheid erkennbar ist, wenn mehrere Einzelforderungen und nicht nur unselbständige Rechnungsposten eines einheitlichen Schadens geltend gemacht werden.

3. Ein entgangener Gewinn stellt einen selbständigen Streitgegenstand und nicht nur einen unselbständigen Rechnungsposten dar.

(Nichtamtlicher Leitsatz)

Die Beschwerde der Klägerin gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Beschluss des 11. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Cellevom 3. Februar 2014 – OLGCELLE Aktenzeichen 11U16713 11 U 167/13 – wird zurückgewiesen, weil weder die Rechtssache grundsätzliche Bedeutung hat noch die Fortbildung des Rechts oder die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des Revisionsgerichts erfordert (§ ZPO § 543 Abs. ZPO § 543 Absatz 2 Satz 1ZPO).

Die Klägerin trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens (§ ZPO § 97 Abs. ZPO § 97 Absatz 1ZPO).

Streitwert: 60.000 ?

Gründe:

1 Die mit der Beschwerde aufgeworfene Frage, ob entsprechend der Auffassung der Instanzgerichte die Zustellung eines Mahnbescheids die Verjährung eines Schadensersatzanspruchs wegen fehlerhafter Anlageberatung nur hemmt, wenn die geltend gemachten Pflichtverletzungen im Einzelnen im Antrag beziehungsweise Mahnbescheid angegeben sind, hat keine grundsätzliche Bedeutung mehr. Der XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat mit Beschluss vom 21. Oktober 2014 (BGH Aktenzeichen XIZB1212 XI ZB 12/12, WM2015, WM Jahr 2015 Seite 22 Rn. WM Jahr 2015 Seite 22 Randnummer 141 ff, 146) in einem Fall, der die Haftung wegen Prospektfehlern betraf, entschieden, dass es im Mahnverfahren zur erforderlichen Individualisierung des geltend gemachten prozessualen Anspruchs nicht der Benennung der einzelnen Prospektfehler bedarf. Nichts anderes kann für Pflichtverletzungen durch fehlerhafte Angaben beziehungsweise eine unzureichende Aufklärung im Rahmen eines Beratungsgesprächs gelten (siehe auch bereits BGH aaO Rn. 145 f unter Hinweis auf Grüneberg, WM2014, WM Jahr 2014 Seite 1109, WM Jahr 2014 1110 f).

2 Allerdings ist die Revision zuzulassen, auch wenn sich die aufgeworfene Grundsatzfrage während des Beschwerdeverfahrens klärt, soweit das Rechtsmittel in der Sache nach Maßgabe der Klärung Erfolg haben würde (vgl. BGH, Beschlüsse vom 6. Mai 2004 – BGH Aktenzeichen IZR19703 I ZR 197/03, NJW2004, NJW Jahr 2004 Seite 3188 f und vom 29. Juni 2010 – BGH Aktenzeichen XZR5109 X ZR 51/09, NJW2010, NJW Jahr 2010 Seite 2812 Rn. NJW Jahr 2010 Seite 2812 Randnummer 11 f; siehe auch Beschluss vom 8. September 2004 – BGH Aktenzeichen VZR26003 V ZR 260/03, NJW2005, NJW Jahr 2005 Seite 154, NJW Jahr 2005 155; BVerfG, NJW2008, NJW Jahr 2008 Seite 2493, NJW Jahr 2008 2494). Diese Voraussetzung liegt hier aber nicht vor. Denn es fehlt, worauf die Beklagte in ihrer Beschwerdeerwiderung zutreffend hingewiesen hat, aus anderen Gründen an der nach § ZPO § 690 Abs. ZPO § 690 Absatz 1 Nr. ZPO § 690 Nummer 3ZPO notwendigen Individualisierung. In einem solchen Fall tritt keine Hemmung der Verjährung ein und kann die Individualisierung auch nicht mit Rückwirkung nachgeholt werden (vgl. nur BGH, Urteile vom 17. Oktober 2000 – BGH Aktenzeichen XIZR31299 XI ZR 312/99, WM2000, WM Jahr 2000 Seite 2375, WM Jahr 2000 2377; vom 10. Juli 2008 – BGH Aktenzeichen IXZR16007 IX ZR 160/07, NJW2008, NJW Jahr 2008 Seite 3498 Rn. NJW Jahr 2008 Seite 3498 Randnummer 7, NJW Jahr 2008 Seite 3498 Randnummer 16 und vom 21. Oktober 2008 – BGH Aktenzeichen XIZR46607 XI ZR 466/07, NJW2009, NJW Jahr 2009 Seite 56 Rn. NJW Jahr 2009 Seite 56 Randnummer 19 ff; Senat, Beschluss vom 31. Januar 2014 – BGH Aktenzeichen IIIZR8413 III ZR 84/13, juris Rn. 17).

3 Zur notwendigen Individualisierung zählt auch, dass dem Mahnbescheid zu entnehmen sein muss, ob Rechte aus eigenem oder abgetretenem Recht geltend gemacht werden. Denn bei Ansprüchen aus eigenem und solchen aus abgetretenem Recht handelt es sich um unterschiedliche Streitgegenstände (vgl. nur BGH, Urteile vom 29. November 1990 – BGH Aktenzeichen IZR4589 I ZR 45/89, NJW1991, NJW Jahr 1991 Seite 1683, NJW Jahr 1991 1684; vom 4. Mai 2005 – BGH Aktenzeichen VIIIZR9304 VIII ZR 93/04, NJW2005, NJW Jahr 2005 Seite 2004, NJW Jahr 2005 2005; vom 17. November 2005 – BGH Aktenzeichen IXZR804 IX ZR 8/04, WM2006, WM Jahr 2006 Seite 592, WM Jahr 2006 594 und vom 21. Oktober 2008 aaO Rn. 15; Senat, Beschluss vom 27. November 2013 – BGH Aktenzeichen IIIZR37112 III ZR 371/12, juris Rn. 2). Wird zum Beispiel eine Klage zunächst (unzutreffend) auf einen Anspruch aus eigenem Recht und später dann (zutreffend) auf einen Anspruch aus abgetretenem Recht gestützt, hat die Klageerhebung keine verjährungsrechtliche Bedeutung für den abgetretenen Anspruch (vgl. BGH, Urteil vom 4. Mai 2005 aaO). Entsprechend muss auch die Abtretung im Mahnbescheid angegeben werden (vgl. auch BGH, Versäumnisurteil vom 30. September 2004 – BGH Aktenzeichen VIIZR9203 VII ZR 92/03, NJW-RR2005, NJW-RR Jahr 2005 Seite 504, wonach im Mahnbescheid angegeben werden muss, dass der Gläubiger aus abgeleitetem Recht vorgeht, wobei es allerdings unschädlich ist, wenn die Berechtigung des Antragstellers nicht auf einer Abtretung, sondern tatsächlich nur auf einer Einziehungsermächtigung beruht). Gleiches gilt, wenn Ansprüche aus eigenem und abgetretenem Recht geltend gemacht werden (vgl. BGH, Urteil vom 17. November 2005 aaO). Hieran fehlt es im vorliegenden Fall.

4 Zur notwendigen Individualisierung gehört ferner, wenn mehrere Einzelforderungen und nicht nur unselbständige Rechnungsposten eines einheitlichen Schadens geltend gemacht werden, dass die Zusammensetzung der Forderung bereits aus dem Mahnbescheid erkennbar ist (vgl. BGH, Urteile vom 23. Januar 2008 – BGH Aktenzeichen VIIIZR4607 VIII ZR 46/07, NJW2008, NJW Jahr 2008 Seite 1220 f; vom 17. November 2010 – BGH Aktenzeichen VIIIZR21109 VIII ZR 211/09, NJW2011, NJW Jahr 2011 Seite 613 Rn. NJW Jahr 2011 Seite 613 Randnummer 14 und vom 10. Oktober 2013 – BGH Aktenzeichen VIIZR15511 VII ZR 155/11, NJW2013, NJW Jahr 2013 Seite 3509 Rn. NJW Jahr 2013 Seite 3509 Randnummer 16 f; Senat, Beschluss vom 31. Januar 2014 aaO Rn. 14 f). Ob im vorliegenden Fall der Eigenkapitalanteil und die Kosten für das Fremdkapital, bei denen es sich um den Aufwand für den Erwerb der Beteiligung handelt, als unselbständige Rechnungsposten anzusehen sind, kann dahinstehen. Jedenfalls ist entgangener Gewinn – hier Teil der klägerischen Schadensberechnung – kein unselbständiger Rechnungsposten, sondern ein selbständiger Streitgegenstand (vgl. BGH, Urteil vom 19. Juni 2000 – BGH Aktenzeichen IIZR31998 II ZR 319/98, NJW2000, NJW Jahr 2000 Seite 3718, NJW Jahr 2000 3719; Senat aaO). Zudem handelt es sich im vorliegenden Fall der Sache nach um eine Teilklage über 60.000 ?, da die im Klageverfahren geltend gemachten Schadenspositionen zusammen einen höheren Betrag ausmachen. Bei einer Teilklage muss aber bereits dem Mahnbescheid zu entnehmen sein, dass es sich um eine Teilforderung handelt und welche Teile Gegenstand der Forderung sein sollen (vgl. BGH, Urteil vom 21. Oktober 2008 aaO Rn. 18; Senat aaO Rn. 16; jedenfalls wenn nicht nur unselbständige Rechnungsposten betroffen sind BGH, Urteil vom 13. Mai 2011 – BGH Aktenzeichen VZR4910 V ZR 49/10, juris 13 mwN).

5 Von einer weiteren Begründung wird gemäß § ZPO § 544 Abs. ZPO § 544 Absatz 4 Satz 2 Halbsatz 2 ZPO abgesehen.

Vorinstanzen:

LG Hannover, Entscheidung vom 06.06.2013 – Aktenzeichen 4 O 230/12 -OLG Celle, Entscheidung vom 03.02.2014 – Aktenzeichen 11 U 167/13

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