Klage gegen Rating-Agentur Standard & Poors betritt juristisches Neuland

Geschrieben am: 6 März, 2012, 12:05

Juristisches Neuland

Rentner gegen Ratingagentur

06.07.2010  ·  Viele deutsche Anleger haben ihre Ersparnisse verloren, als die  amerikanische Bank Lehman Brothers in die Knie ging. Einer von ihnen  wehrt sich nun auf unkonventionellem Wege: Er verklagt die Ratingagentur  S&P, die Lehman einst bewertet hatte – zu gut bewertet, wie der  Kläger findet.

Dass  er 30.000 Euro verloren hatte, erfuhr Jürgen Hillebrand aus den  Nachrichten. Die Fernsehsender zeigten am Abend des 15. September 2008  alle dieselben Bilder: Mitarbeiter der amerikanischen Bank Lehman  Brothers, die in Scharen Kartons aus den Büros trugen. Erst zwei Wochen  später erhielt Hillebrand einen Brief von seiner Hausbank, der ihn  informierte, dass seine Zertifikate wertlos seien.

Klein beigeben  ist nicht seine Art. Er beauftragte einen Anwalt, der für ihn jetzt die  New Yorker Ratingagentur Standard & Poor`s (S&P) verklagt. Er  hätte auch seine Bank vor Gericht bringen können. Stattdessen legt sich  der Frührentner aus der niedersächsischen 25.000-Einwohner-Stadt Varel  mit einem Riesen der Finanzmarktbranche an.

Juristisches Neuland

„Irgendwann  muss man sich ja wehren“, sagt der 61Jahre alte Frührentner. „Ich  hoffe, dass wir zumindest ein bisschen Staub aufwirbeln.“ Mit seiner  Klage könnte er Rechtsgeschichte schreiben. In den Vereinigten Staaten  laufen zwar bereits mehrere Verfahren gegen Ratingagenturen, hierzulande  ist es nach Angaben der Deutschen Schutzvereinigung für  Wertpapierbesitz (DSW) jedoch das erste.

Mit „A+“ hatte S&P  die Lehman-Zertifikate „Alpha Express“ beurteilt, die Hillebrand im Mai  2008 von der Citibank kaufte. Die gute Bewertung überzeugte ihn. Dass er  sein Geld komplett verlieren könnte, verschwieg ihm der Bankberater.  „Das war für die Altersvorsorge gedacht. Wir wollten eigentlich eine  sichere Anlage“, sagt Hillebrand.

Zwar stufte die Ratingagentur  seine Zertifikate später auf die immer noch gute Bewertung „A“ herab.  „Drei Tage vor der Lehman- Pleite hat S&P die Note aber noch einmal  bestätigt“, erläutert Hillebrands Anwalt Jens-Peter Gieschen von der  Kanzlei KWAG. Dabei hätten die Experten zu dem Zeitpunkt längst erkennen  müssen, wie schlecht es um die Kreditwürdigkeit der Investmentbank  steht. „Es wurde schon Monate vorher in den Medien über eine Insolvenz  diskutiert. Trotzdem hat sich an dem Rating nichts geändert.“ Nach  Ansicht von Gieschen muss S&P für die Bewertung haften.

Gemeinsam  mit dem Rechtswissenschaftler Kai-Oliver Knops, der an der Universität  Hamburg Bank- und Kapitalmarktrecht lehrt, reichte Gieschen eine  Schadensersatzforderung beim Landgericht in Frankfurt ein, wo die  deutsche Zweigstelle von S&P sitzt. „Natürlich betreten wir hier  juristisches Neuland“, räumt Gieschen ein. Er rechnet daher mit einem  langwierigen Verfahren, dass sich durch mehrere Instanzen ziehen wird.  „Die Ratingagenturen können es sich gar nicht leisten, ein Urteil gegen  sich stehen zu lassen.“

Zweifel an den Erfolgsaussichten

Die  Anlegerschützer der DSW zweifeln dagegen an den Erfolgsaussichten der  Klage. „Ratingagenturen arbeiten viel mit Annahmen und Prognosen. Wie  will man ihnen nachweisen, dass sie diese böswillig falsch getroffen  haben?“, sagt Sprecher Marco Cabras. Dennoch rechnet er mit weiteren  Klagen dieser Art. Viele der schätzungsweise 50.000 deutschen  Lehman-Opfer seien wütend auf die Ratingagenturen. „Sie gehören zu den  Hauptverdächtigen der Finanzmarktkrise.“

Auch an anderen Fronten  geraten Bewertungsunternehmen wie S&P, Moody’s und Fitch zunehmend  unter Beschuss. Die amerikanische Regierung führte jüngst strengere  Spielregeln für Ratingagenturen ein und will Klagen gegen diese künftig  erleichtern. Die Europäische Union plant sogar eine Aufsichtsbehörde,  die die Agenturen regulieren soll.

Auch S&P selbst gibt sich  reumütig. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ räumte S&P-Chef  Deven Sharma Fehler ein – vor allem hinsichtlich der amerikanischen  Immobilienkrise. In diesem Bereich habe das Unternehmen mit seinen  Annahmen tatsächlich gründlich danebengelegen.

Zu der Klage von  Hillebrand wollte sich die deutsche S&P- Niederlassung nicht äußern,  da diese noch nicht vorliege. Ob es überhaupt zu einem Prozess kommt,  ist noch unklar: Zurzeit prüft das Landgericht noch, ob es tatsächlich  zuständig ist.

Quelle: Faz Online vom 6.7.2010 Link

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